Ausschlusskriterium Kälte? Elektroautos treffen im Winter auf Herausforderungen, die Ängste und Vorurteile schüren. Was ist dran? Ein Selbsttest im Audi E-Tron.
Elektromobilität ist so alt wie das Auto selbst. Trotzdem muss sie sich im Jahr 135 nach dem Benz Patent-Motorwagen noch beweisen. Denn Elektroautos funktionieren anders als Verbrenner. Ein wichtiger Unterschied: Sie generieren wenig Abwärme. Toll für die Effizienz, denn Hitzeentwicklung bedeutet Energieverlust – dennoch kann es im Winter unangenehm werden. Für Wohlfühltemperaturen im Innenraum verheizen Elektroautos zum Teil ihren Kraftstoff. Das kostet Reichweite.
Pro
Hervorragendes Ladetempo
Kluge Rekuperationsstrategie
Ausgezeichneter Fahrkomfort
Verarbeitung und Materialanmutung
Kontra
Enormer Stromverbrauch
Ungünstige Platzierung der virtuellen Außenspiegel (optional)
Für die Fahrzeuggröße zu wenig Platz
Aber wie viel Strecke bleibt tatsächlich auf der Strecke? Sind Elektroautos die neuen Cabriolets, also kompromissbehaftete Saisonfahrzeuge? Oder säuseln sie problemlos durch den Frost? Das klärt ein Selbsttest im Audi E-Tron Sportback am (vorerst) kältesten Tag des Jahres: Wir brechen trotz Wetterwarnung, Temperaturen um -10° C und weitgehend schneebedecktem Asphalt auf zur Langstreckenfahrt in Audis großem Stromer. Unser Ziel liegt in Berlin, 530 Kilometer entfernt vom Startpunkt nahe Frankfurt am Main.
Elektroauto: Ein Viertel mehr Verbrauch im Winter
Vorab sei gesagt: Effizienz zählt nicht zu den Stärken des Audi E-Tron. Er lädt wahnsinnig schnell und sammelt beim Bremsen viel Energie ein, verbraucht aber generell viel Strom. Auf Autobahnfahrten mit einer Zielgeschwindigkeit von 130 km/h zeigt der Bordcomputer im Regelfall einen Verbrauch von rund 30 kWh pro 100 Kilometer an. Bei einer Akkukapazität von 86 kWh (netto) ergibt sich eine reelle Reichweite von weniger als 300 Kilometern (Werksangabe: 373-452 km). Der Preis für eine große Stirnfläche, 2,6 Tonnen Leergewicht und vergleichsweise ineffiziente Asynchronmotoren.
Bei Minusgraden schrumpft der Bewegungsradius des großen Audi. Früh steht fest, dass es heute etwas länger dauert als üblich. Einerseits, weil sich der Schneefall auf den Verkehr auswirkt wie Gelatine auf Wasser. Andererseits, weil Schneedecke und Temperaturen den Verbrauch treiben. Wir temperieren den Innenraum auf 22 Grad und passen den Fahrstil an das Wetter an.
Der Bordcomputer meldet eine Stromentnahme von rund 37 kWh pro 100 Kilometer. Während unserer Pausen laden wir bis zu einem Akkustand von 80 Prozent, weil danach das Ladetempo sinkt. Deshalb liegt die Praxisreichweite zwischen den Ladestopps in diesem Szenario bei 180 Kilometern – tendenziell weniger, denn geeignete Stationen sind nur sporadisch an Autobahnen verteilt. Statt der üblichen zwei kommen drei Ladepausen auf uns zu. Insgesamt kostet uns das Laden gut eine Stunde Wartezeit. Halb so schlimm: Die verbringen wir im warmen Auto. Insgesamt benötigen wir für die Fahrt etwa sechseinhalb Stunden. Unser Elektro-Kompromiss: Ungefähr die Zeit, die wir an den Ladesäulen warten.
Und sonst? Abgesehen von den eingeplanten Pausen stört uns das Wetter nicht. In einer Disziplin ist der Allrad-Audi seinen Verbrenner-Kollegen sogar voraus: Seine Traktionskontrolle regelt besonders feinfühlig. Das gibt ein sicheres Gefühl, wenn der Winterdienst nicht hinterherkommt.
Mit dem Elektroauto im Stau: Tipps für den Winter
Als Faustregel gilt: Für eine Stunde Heizdauer benötigt ein Elektroauto – je nach Temperatur und eingebauter Heizung – etwa 0,75 bis zwei kWh Energie. Einige Autos zeigen ihre Restkapazität in kWh an. Bei allen anderen lässt sie sich mittels Prozentrechnung aus Ladestandsanzeige und Netto-Kapazität laut Datenblatt ermitteln. Ein paar Stunden Heizenergie sollten stets im Akku verbleiben. Keine neue Erkenntnis, denn Gleiches gilt für Verbrenner. Sie verbrauchen im Stand pro Stunde ungefähr einen halben bis eineinhalb Liter Kraftstoff.
Wenn es im Elektroauto trotz aller Planung eng wird: Sitz- und Lenkradheizung sind effizienter als das Gebläse. Es hilft, die Innenraumtemperatur zu senken und direkt an Rücken, Beinen und Fingern zu wärmen. So sinkt der Stromverbrauch und schafft Reserven für wertvolle Kilometer.
Fazit: Elektromobilität ist wintertauglich
Unser Experiment ist geglückt. Wir kommen mit dem Elektroauto im Winter etwas später, aber genauso gut ans Ziel. Miserable Wetterbedingungen bedeuten für die Elektromobilität kein Hindernis, nur eine Verzögerung. Etwas Planung gehört dennoch dazu. Denn Heizung, Ladedauer und Reichweite stehen in einem Zielkonflikt.
Reichweite
Stromzähler
Ladezeit bei 11 kW
Ladezeit bei 150 kW
Technische Daten – Audi E-Tron Sportback 55 quattro
| Modell | Audi E-Tron Sportback 55 Quattro |
| Motor/Antrieb | pro Achse eine Drehstrom-Asynchronmaschine |
| Leistung |
Motor vorn: 125 kW (Peak), 135 kW (max.) Motor hinten: 140 kW (Peak), 165 kW (max.) |
| Drehmoment |
Motor vorn: 247 Nm (Peak), 309 Nm (max.) Motor hinten: 314 Nm (Peak), 355 Nm (max.) |
| Geschwindigkeit | 200 km/h |
| 0-100 km/h | 5,7 s |
| Verbrauch | 21,9–26,0 kWh |
| Akkukapazität | 95 kWh (brutto), 86 kWh (netto) |
| Reichweite | 369–446 km (WLTP) |
| Ladeleistung | bis 22 kW (AC), bis 150 kW (DC) |
Audi E-Tron Sportback 55 Quattro
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